Strom? Aber natürlich nicht von den Stadtwerken

Offener Brief an die Stadtwerke Bonn:

 

Sehr geehrter Herr Landen,

obwohl wir schon seit Jahren kein Kunde mehr bei Ihnen sind, schicken Sie uns mal wieder Werbepost. Man kann es ja mal versuchen. Wird aber nichts.

Mit dem sinnigen Spruch „Strom? Aber natürlich!“ wollen Sie uns Ihren teuren Ökostrom verkaufen. Und erklären uns, wie sinnvoll das ist mit den regenerativen Energien. Das sehe ich auch so. Daher habe bin ich schon seit Jahren bei einem Ökostrom-Anbieter. Trotzdem habe ich prinzipiell große Sympathien für dezentrale Energieversorger. Und kommunale Stadtwerke. Habe ich daher ein Grund, zu Ihnen zu wechseln?

Nein, gar nicht. 10,7 Prozent Ihres Stroms stammt nämlich aus Kernkraftwerken, wie Sie selber in Ihrem Ökostrom-Prospekt offenlegen müssen. Ich bleibe lieber bei einem Stromanbieter, der nichts mit dieser unverantwortlichen Energieart zu schaffen hat. Selbst das schwarz-gelbe Bundeskabinett will morgen einen Atomausstieg beschließen. Was ist mit Ihnen?

Bis die Stadtwerke Bonn den Atomausstieg vollzogen haben, zahle ich meine Stromrechnung an echte Ökostromanbieter. Und empfehle anderen den Wechsel: http://www.oekostrom-vergleich.com/oekostromanbieter.php

Mit freundlichen Grüßen

Kommentare (9)

  1. DonBonn

    Atomausstieg und Ökostrom sind gerade voll im trend!

  2. Karsten

    Hallo Christian,

    dein offener Brief hat mich ein wenig überrascht, da ich selber BonnNatur Strom beziehe und mich mit den Rahmenbedingungen intensiv auseinandergesetzt habe. Es stimmt zwar, dass die Stadtwerke gute 10% ihres Stroms aus AKW beziehen, aber beim Tarif BonnNatur stammt der Strom zu 100% aus regenerativen Quellen. Eine genau Aufschlüsselung findet sich auch im Flyer.
    Außerdem ist der BonnNatur Strom keineswegs teurer als der Strom von überregionalen Ökostromanbietern, wie du durch einen Klick auf deinen Ökostromvergleichs-Link auch selber herausfinden kannst.
    Ich habe keinerlei Verbindungen zu den Bonner Stadtwerken, aber ich finde dein Posting stellt die Sache ein wenig zu negativ dar.

  3. Christian (Beitrag Autor)

    Hallo, Karsten,

    danke für Deinen Kommentar. Da habe ich mich wohl nicht klar ausgedrückt. Du hast Recht, BonnNatur Strom ist „frei“ von Atomstrom.

    Mir geht es aber um die Stadtwerke an sich. Für die ist das Anbieten eines Ökostrom-Tarif in meinen Augen greenwashing oder Geschäftemacherei. Wenn man erkennt, dass Atomstrom nicht okay ist, dann sollte man ihn nicht verkaufen. Man kann nicht glaubwürdig für verantwortungsvolle Energieversorgung sein, wenn man Atomstrom und Ökostrom nebeneinander anbietet. Daher bleibt unter dem Strich: 10,7 % des SWB-Stroms kommt aus Kernkraftwerken. Bei den verlinkten Stromanbietern sind es 0 %.
    Die Preise sind für mich da nicht das erste Kriterium. Allerdings würde ich beispielsweise bei einem Verbrauch von 4000 kWh mit Naturstrom auch günstiger fahren als mit BonnNatur.

  4. Ulrich Kelber

    Hallo Christian,

    das BonnNatur 100% EE-Strom ist und auch das Ökostromlabel in Gold hat, hat ja Karsten schon erwähnt.

    Dass die SWB sich derzeit an weiteren EE-Projekten beteiligen und an der Karlstraße ein eigenes GuD-Kraftwerk bauen (geht 2012) ans Netz, um nicht mehr an der Börse einkaufen zu müssen, wäre auch noch wichtig. Netto werden die Stadtwerke schon 2013 keinen Atomstrom mehr beziehen …

    Herzlich

    Uli Kelber

  5. Christian (Beitrag Autor)

    Hallo, Uli Kelber,

    schön, dass das 2013 mit dem Ausstieg klappt. Schneller als schwarz/gelb. Dann werde ich sicher in zwei Jahren über einen Anbieterwechsel nachdenken.

    Aber warum kaufen die Stadtwerke bis zu diesem Zeitpunkt noch Atomstrom ein?

    Viele Grüße

    Christian

  6. Mark Kurast

    Man sollte bei aller Öko-Strom-Euphorie nicht vergessen, dass auch Ökostrom nicht gleich Ökostrom ist! In diesem Bereich herrscht ein reger Zertifikatehandel und sogar Strom der zu 100% aus Atomkraft gewonnen wird darf sich mit den passenden Zertifikaten Ökostrom nennen! Man darf sich hier nicht von dem Namen in die Irre führen lassen. Es geht dabei schlichtweg um Geld und wer viel Geld hat kann auch die nötigen Zertifikate auf dem Markt kaufen um seinen Strom passend zu belabeln.

  7. Andreas

    Der Strom der Stadtwerke Bonn wird zum größten Teil aus erdgasbetriebenen Heizkraftwerken gewonnen. Dabei wird die umweltfreundliche Kraft-Wärme-Kopplung genutzt. Immerhin 39,2 % stammten 2009 aus erneuerbare Energien. Wenn man das mit dem Bundesdurchschnitt vergleicht (16,3% im Jahr 2009) dann orientieren sich die SWB schon frühzeitig in die Richtung umweltfreundliche Stromerzeugung. Für einen regionalen Stromerzeuger, der nicht den Hintergrund eines Naturstroms (Gegründet von BUND, NABU, BWE, Eurosolar) hat durchaus anerkennenswert. Die vier großen unabhängigen Ökostromanbieter Naturstrom, Lichtblick, Greenpeace Energy oder EWS (neben einigen kleineren) gehen den Weg der Energiewende in der Vergangenheit am konsequentesten und sind somit natürlich auf jeden Fall eine gute Wahl.

    @Mark:Wenn man nicht gerade zu einem der vier unabhängigen Ökostromanbieter wechseln will sollte man auf Ökostrom Gütesiegel achten. Empfehlenswert sind das Grüne Strom Label Gold sowie das ok-power Label

  8. manni

    Hey Leute!

    das ok-power-label ist NICHT empfehlenswert!!! Mit diesem „Siegel“ schmücken sich auch Großkonzerne der „ganz sympathischen“ Art nachdem sie sich mit dem umstrittenen RECS-Zertifikat grüngewaschen haben.
    Auf der Seite von NATURSTROM steht so einiges, die haben sogar ein fachbezogenes Lexikon auf ihrer Seite. Hier ein Bericht: (nicht ganz bis zum ende kopiert, aber auf besagter seite auufindbar.)

    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/737333/
    08.02.2008
    Etikettenschwindel bei grünem Strom?
    Das europäische Ökostrom-Zertifikat RECS in der Kritik
    Von Detlef Grumbach
    Das Geschäft mit Strom aus regenerativen Energiequellen boomt. Doch genau wie beim
    ökologischen Landbau gibt es keine einheitliche Orientierung für den Kunden, sondern
    zahlreiche konkurrierende Markenzeichen. Äußert umstrittten ist RECS, das Renewable Energy
    Certification System.
    „Ich achte schon darauf, was ich wo kaufe und welche Dienstleistung ich in Anspruch nehme.“
    Jens Kretschmer, Mitte 40, wurde in den 80er Jahren von der Anti-Atomkraft-Bewegung geprägt.
    Schon vor Jahren ist er von den Hamburger Elektrizitätswerken HEW, heute Vattenfall Europe, zum
    Grünstromanbieter Lichtblick gewechselt. Seine damalige Frage:
    „Gibt es eine Alternative zu Stromkonzernen, die vielleicht umweltverträgliche und sichere und nachhaltigere
    Energiequellen nutzen und die ihre Gewinne dann auch einsetzen für den Bau neuer Wind-,
    Solar- und sonstiger Anlagen.“
    Die Debatten über die Gefahren der Atomkraft; neue Erkenntnisse über den CO2-Ausstoß fossiler
    Brennstoffe und den Klimawandel: Immer mehr Verbraucher denken und handeln so wie Jens Kretschmer.
    Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer, der wohl profilierteste Energiepolitiker
    im deutschen Parlament, propagiert dies schon seit vielen Jahren:
    „Diejenigen, die grünen Strom haben wollen, wollen damit auch einen Beitrag leisten, dass herkömmlicher
    Strom, fossiler wie Atomstrom, abgelöst wird durch erneuerbare Energien. Und das kann man
    nur feststellen, wenn man den Anbieter sich näher anschaut.“
    Grünstrom ist in, das Geschäft mit Strom aus regenerativen Energiequellen boomt. Doch genau wie
    beim ökologischen Landbau gibt es keine einheitliche Orientierung für den Kunden, sondern zahlreiche
    konkurrierende Markenzeichen. Diese werden unter anderem von Grüner Strom, OK-Power,
    vom TÜV oder auch von RECS ausgestellt. RECS, das heißt: Renewable Energy Certification System.
    Christof Timpe vom Öko-Institut in Freiburg, das einst aus der Umweltbewegung hervorgegangen ist:
    „Wir haben das Problem im Ökostrom-Markt, dass der Begriff Ökostrom in keiner Weise allgemein definiert
    ist. Das heißt, jeder Anbieter oder jeder Gütezeichengeber oder Gütesiegelgeber kann sich das
    selber definieren, und das heißt, leider muss der Kunde dann etwas genauer hinschauen und sich
    überlegen, welche Kriterien stecken dahinter?“
    Vor allem dort, wo grüner Strom besonders billig ist, billiger teilweise als sogenannter grauer Strom
    aus Atom-, oder Kohlekraftwerken, sind RECS-Zertifikate im Spiel. Das gilt für Tochterunternehmen
    großer Energieversorger wie Vattenfall oder E.ON, für zahlreiche Stadtwerke, aber auch dort, wo
    große Unternehmen höhere Kosten scheuen und trotzdem mit grünem Image punkten wollen.
    Auch die Städtischen Werke Kassel, die die kommunale Versorgung als erste Großstadt auf grünen
    Strom umgestellt haben, erklärten im Dezember, dass etwa 50 Prozent ihres Stromangebots durch
    RECS zertifiziert ist. Die andere Hälfte würden sie direkt bei Wasserkraftwerken beziehen, um, so
    wörtlich, „Öko wasserdicht zu machen“.
    „Die Ökostrom-Lüge: ‚Schmutziger‘ Strom wird in Deutschland massenhaft zu Ökostrom umetikettiert.
    Der Schwindel hat einen Namen: RECS-Zertifikate.“
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    Mit dieser Meldung schreckte der Journalist und Energieexperte Lars Lange im November letzten
    Jahres die Öffentlichkeit auf. Der „Spiegel“ zog Anfang Januar nach und meldete:
    „Stromanbieter verkaufen Atomstrom als Ökostrom.“
    So unterschiedlich die Kriterien für Ökostrom auch sind, die meisten beinhalten, dass tatsächlich in
    neue Kraftwerke mit erneuerbarer Energie investiert werden muss, Kohle- und Atomenergie somit
    abgelöst wird – bis auf RECS. Das Renewable Energy Certification System wurde bereits 2002 in 15
    Ländern Europas eingeführt – initiiert und maßgeblich getragen von großen europäischen Stromproduzenten
    wie E.ON, RWE und Vattenfall. Und so funktioniert es:
    Das System erfasst Strom aus regenativer Energie bei der Einspeisung ins Netz und trennt beim
    Handel im Nachhinein jede physikalisch hergestellte Kilowattstunde von dem ökologischen Nutzen,
    der damit verbunden ist, dass kein CO2 ausgestoßen wurde. Der virtuell abgetrennte ökologische
    Nutzen wird dann in Form des Zertifikats europaweit vermarktet. Der ursprüngliche Strom verliert
    damit seine Qualität als Ökostrom. Die kann nun mit Hilfe des Zertifikats auf beliebige andere Stromlieferungen
    übertragen werden. Hermann Scheer erläutert den Hintergrund dieser Geschäftsidee:
    „Es gibt in Europa viele herkömmliche Stromunternehmen, die haben als Teil ihres Angebots einen
    bestimmten Anteil Wasserkraft. Und nun gibt es eine laufend sich steigernde Praxis, dass Stromkonzerne
    das, was sie in ihrem bisherigen Angebotsmix an Wasserkraft hatten, ohne neu investiert zu
    haben, dass sie das extra verkaufen als grünen Strom, dafür mehr Geld kriegen aufgrund der Bereitschaft
    der Kunden, einen Beitrag zu erneuerbaren Energien zu leisten; und dass sie das, was sie
    dann an Wasserkraft weniger in ihrem bisherigen Angebot haben, durch herkömmliche Stromangebote
    aus Kohle- oder Atomkraftwerken auffüllen. Das heißt, sie verkaufen grünen Strom, ohne dass
    der Anteil erneuerbarer Energien in der Stromproduktion dadurch wächst. Es ist also ein Versuch, die
    Grünstrom-Kunden an der Nase herumzuführen und Zusatzgeschäfte zu machen.“
    Diese getrennte Vermarktung von Strom und Umweltzertifikat bezeichnen Kritiker als Etikettenschwindel
    und unseriöse Konkurrenz. Denn RECS macht den so kreierten Ökostrom auch noch
    besonders billig.
    Alte Wasserkraftwerke produzieren günstig, und die Stromproduktion wird durch das Zertifikat nicht
    teurer. Kostet die Herstellung einer Kilowattstunde Strom in Europa etwa 6 Cent, ist ein RECS-Zertifikat
    für nur 0,05 Cent oder sogar noch billiger erhältlich. Stromhändler haben so die Chance, den
    billigsten Strom auf dem Markt zu kaufen – Kohle oder Atom -, dazu die billigsten RECS-Zertifikate.
    Beides zusammen bieten sie dem Verbraucher als Ökostrom an, dessen Geld fließt zum allergrößten
    Teil in die Kasse eines konventionellen Umweltsünders.
    Bei seriösen Ökostromanbietern wie Naturstrom, Lichtblick oder Greenpeace Energy stößt solches
    Vorgehen auf Kritik, aber auch das Vorgehen großer Stromkunden, die sich nur ein grünes Mäntelchen
    umhängen wollen, ohne in zusätzlichen Ökostrom zu investieren. So erklärt Gero Lücking, der
    Sprecher der Hamburger Firma Lichtblick:
    „Das, was die Städtischen Werke Kassel machen, was die Vattenfall-Tochter WEMAG macht, was
    Bochum macht, das bringt der Umwelt überhaupt nichts, weil nur das Erzeugungsportfolio, wie es sich
    im Markt ergibt, entmischt wird. Die Stadt Hamburg hat beides gemacht. Sie hat erst eine öffentliche
    Ausschreibung gemacht für den Strombezug, physikalisch, ohne jedwede Anforderung an die Qualität,
    und hat dann in einem zweiten Schritt eine Ausschreibung nachgeschoben für RECS-Zertifikate. Das
    entspricht nicht unserem Geschäftsmodell, deshalb haben wir uns da auch nicht dran beteiligt.“
    Ohne dass das Angebot sich dadurch verändert, werden nur bestimmte Eigenschaften des Stroms
    herausgefischt und wie auf einem Verschiebebahnhof neu sortiert. Nur so können wie im Fall Hamburg,
    sogar der Strom und bestimmte Eigenschaften getrennt bestellt werden. Stefan Zisler, der für
    den Energiekonzern Vattenfall bei der deutschen Sektion von RECS den Vorsitz führt, räumt ein, dass
    RECS für die Umwelt nicht viel bedeutet, versteht aber die Aufregung nicht. Denn er betont, dass
    RECS gar kein dem Grünen-Strom-Label, dem OK-Power Label oder Greenpeace-Kriterien vergleichbares
    Zertifikat ist:
    „Das ist richtig. RECS ist kein Qualitätssigel im Sinne des Produktes, das der Kunde kauft, sondern
    RECS ist ein reiner Herkunftsnachweis, der eine Rückverfolgung ermöglicht, wo ist eine bestimmte
    Menge Strom ins Netz eingespeist worden? Achten Sie als Konsument darauf, mit welchen
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    Qualitätskriterien Ihnen das Grünstromprodukt angeboten wird. Nur wenn Sie dort ein Qualitätssiegel
    mit den entsprechenden Aussagen bekommen, dass durch Ihren Grünstrombezug auch Neuanlagen
    gefördert werden, nur dann können Sie auch sicher sein, dass dem so ist.“
    Das klingt scheinheilig, sagen die Kritiker. Denn RECS wirbt damit, den Strom quasi grün zu veredeln.
    Immer mehr Ökostromanbieter und Nutzer berufen sich auf RECS und benutzen dabei auch den
    guten Namen des Freiburger Öko-Instituts. Denn das Öko-Institut ist zum großen Unmut zahlreicher
    Umweltaktivisten mit von der Partie bei RECS. Das Öko-Institut gilt in Deutschland als Garant für
    korrekte Zertifizierung, verdient auch daran, muss deshalb, so Kritiker, ein Interesse am Vormarsch
    von RECS-zertifiziertem Strom haben. Christoph Timpe, Mitglied des Vorstands von RECS
    Deutschland, zu den Vorwürfen:
    „Die ganze Tätigkeit der RECS-Zertifizierung beziehungsweise die Ausstellung von Herkunftsnachweisen
    ist für uns ein völlig nebensächliches Geschäft, wenn es um die ökonomischen Aspekte geht.
    Es ist aber viel wichtiger, dass die Entscheidung, ob ein Ökostrom-Anbieter RECS-Zertifikate beziehungsweise
    elektronische Herkunftsnachweise nutzt, diese Entscheidung liegt ausschließlich beim
    Ökostromanbieter, und wir machen da keine Vorschriften. Der Begriff Etikettenschwindel trifft überhaupt
    dann generell auf Produkte zu, die Kunden Strom aus erneuerbaren Energien anbieten und
    möglicherweise den Kunden nicht klar genug sagen, dass damit kein Ausbau erneuerbarer Energien
    verbunden ist, sondern eigentlich nur Kraftwerke und Kunden anders einander zugeordnet werden.“
    Timpe und andere RECS-Befürworter argumentieren mit dem Bild eines Sees. Überall tröpfelt Strom
    in diesen See, aus Kohle- Atom-, Wasser- und anderen Kraftwerken. Wer diesem See irgendwo Strom
    entnimmt, kann nicht mehr feststellen, wo er seinen Ursprung hat. Deshalb könne man nur im Nachhinein
    produzierte und verbrauchte Strommengen zuordnen. Wachsende Nachfrage nach den Zertifikaten
    führe dann auch zu einem Ausbau regenerativer Energie, weil ja auch an RECS-Zertifikaten
    verdient wird. Das könnte theoretisch stimmen, aber sogar im Bundesumweltministerium muss
    Sprecher Tobias Dünow einräumen, dass es ein deutliches Überangebot an Wasserkraft in Europa
    gibt, dass deswegen mittelfristig kein neues Kraftwerk gebaut werden muss:
    „Der Ökostrom ist doch da. Wir haben doch die Situation, dass wir einen Überschuss an Ökostrom
    haben. Der Ökostrom ist da, der wird relativ billig produziert in Wasserkraftanlagen in Norwegen oder
    in Österreich. Dass es die etwas skurrile Situation geben kann, dass diese Anlagen von Konzernen
    betrieben werden, die ansonsten mit Kohle- und Atomstrom verdienen, steht auf einem anderen Blatt.
    Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass Strom, der mit Wasserkraft produziert wird, grundsätzlich
    erstmal CO2-neutral ist.“
    Die von RECS veröffentlichten Zahlen über Angebot und Nachfrage sprechen eine deutliche Sprache.
    Wurden hierzulande im Jahr 2005 noch 25.000 Megawattstunden Strom durch RECS-Zertifakte als
    Ökostrom ausgewiesen, waren es 2007 schon über fünf Millionen Megawattstunden, fünf Millionen
    Megawattstunden Öko-Strom fürs gute Gewissen – ohne Öko-Effekt. Der Markt gibt aber mehr her. So
    wurden 2007 vor allem in Norwegen, Schweden und Finnland Zertifikate für knapp 300 Millionen
    Megawattstunden angeboten, in ganz Europa aber nur für etwa 150 Millionen Megawattstunden
    tatsächlich gehandelt. Das zusätzlich frei handelbare „Überangebot“ umfasst also etwa 150 Millionen
    Megawattstunden, ohne dass ein Atomkraftwerk oder Kohlekraftwerk abgestellt werden muss.
    RECS ist dementsprechend auch das bevorzugte System zur „Förderung“ Erneuerbarer Energien der
    vier großen Konzerne auf dem deutschen Strommarkt, weil es an den Verkauf der schmutzigen Altenergien
    gekoppelt ist und sie so ihre schädlichen Altanlagen länger laufen lassen können.
    Von einem Überangebot an Ökostrom zu sprechen, klingt angesichts der Klimadiskussion zynisch.
    Robert Werner von Greenpeace Energy bleibt deshalb beim Vorwurf des Etikettenschwindels. Greenpeace
    Energy ist eine Genossenschaft, die in eigene Kraftwerke – Wind-, Wasser- und Solarenergie –
    investiert, die eigene, strenge Maßstäbe für grünen Strom entwickelt hat und Wert auf den Nachweis
    legt, dass schon im Augenblick des Verbrauchs eine entsprechende Menge Grünstrom produziert,
    eingespeist und bezahlt wird.
    „Wenn wir Ökostromanbieter unseren Kunden Strom anbieten, dann geht der Kunde davon aus, völlig
    zu Recht, dass sein Geld in Ökokraftwerken landet. Und wenn das ein Modell ist, wo das nicht der Fall
    ist, dann ist es unglaubwürdig. Unsere Vorstellung von glaubwürdigem Ökostromhandel ist die, dass
    der Ökostromhändler direkt beim Ökokraftwerk einkauft, denn nur so kann der Kunde gewiss sein,
    dass sein Geld vollständig für Ökokraftwerke aufgewendet wird.“
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    Die EU hat das Ziel formuliert, dass bis zum Jahr 2020 der Anteil erneuerbarer Energie bei der Stromproduktion
    auf 20 Prozent wachsen soll. Deutschland kann dieses Ziel beim gegenwärtigen Tempo
    des Ausbaus neuer Kraftwerke bis 2013 schaffen. Hermann Scheer hält es sogar für möglich, innerhalb
    der nächsten 15 Jahre auf bis zu 80 Prozent zu kommen. Das ließe sich allerdings nur erreichen,
    wenn laufend neue regenerative Energiequellen erschlossen würden. Doch der Handel mit RECSZertifikaten
    und die damit verbundenen Öko-Stromangebote bremsen diesen Prozess. RECS-Strom
    ist billiger und erweckt den Eindruck, man könne auch ohne große Anstrengung etwas für die Umwelt
    tun. Außerdem setzt er die Ökostrom-Wirtschaft politisch unter Druck: Die großen Energiekonzerne
    wollen mit RECS zeigen, dass eine Förderung neuer, meist kleiner Ökostromanlagen gar nicht nötig
    ist. Gefördert wird der Ausbau von Ökostromangeboten in Deutschland und einigen anderen EULändern
    dagegen mit Hilfe des sogenannten EEG, eines Gesetzes für den Vorrang Erneuerbarer
    Energien:
    Das EEG garantiert den Betreibern alternativer Energieanlagen einen festen Preis, zu dem sie ihren
    Strom ins Netz einspeisen können. Dieser Preis liegt über dem Marktpreis, er berücksichtigt, dass
    neue Wind-, Solar- Wasser- oder auch Biogaskraftwerke in der Produktion zunächst teurer sind als
    alte, herkömmliche Anlagen. Und es eröffnet neuen Investoren neue Möglichkeiten.
    Das Gesetz regelt aber auch, dass die Mehrkosten für diesen Strom auf alle Stromkunden umgelegt
    werden, weil die Energiewende nicht zum Nulltarif zu bekommen ist und alle Kunden einen Teil dieses
    Stroms automatisch beigemischt bekommen. Hermann Scheer:
    „Jeder deutsche Stromkunde ist zu Teilen Ökostromkunde. Auf der Basis dieses Gesetzes steigt der
    Anteil erneuerbarer Energien, er steigt systematisch, er ist jetzt gestiegen auf knapp 15 Prozent. Also
    ist jeder deutscher Stromkunde, das muss er wissen, zu 15 Prozent ohnehin, ohne sonst etwas tun zu
    müssen, Ökostrom-Bezieher.“
    Das EEG ist den Hütern freier Märkte ein Dorn im Auge. Es bevorzugt kleine, dezentrale Anbieter und
    verdirbt großen Energiekonzernen wie E.ON und Vattenfall einen Teil ihres Geschäfts. Die großen
    Konzerne setzen deshalb auf RECS, wollen RECS-Zertifikate zum Standard im europäischen Ökostromhandel
    machen und Einspeisungsgesetze ablösen.
    Gerade auf sie aber setzten Ökostromanbieter mit dem Gütesiegel von Grüner Strom oder OK-Power,
    aber auch Greenpeace Energy. Sie verpflichten sich, mindestens 30 Prozent – manche gar 50 Prozent
    – des Stroms aus Anlagen zu liefern, die nicht älter als fünf oder sechs Jahre sind. Diese Anbieter
    müssen also ständig auf den Bau neuer Anlagen drängen oder wie Greenpeace Energy selber neue
    Anlagen bauen. Durch Dumpingangebote von RECS-zertifiziertem Ökostrom geraten aber seriöse
    Anbieter mittlerweile unter Druck. Und schon bricht Lichtblick ein Tabu. Bei den Privatkunden setzt
    Lichtblick weiter auf die Glaubwürdigkeit des Angebots. Großen Firmen und Kommunen bietet das
    Unternehmen jedoch günstigen Strom aus alten Anlagen an. Gero Lücking, Pressesprecher von
    Lichtblick:
    „Im Sondervertragskundenbereich ist die Lage differenzierter, da gehen wir auf die Wünsche der
    Kunden ein. Das heißt, wir können einem Sondervertragskunden, wenn er das wünscht, eine physikalische
    Lieferung aus alten Wasserkraftwerken liefern, da ist der Umweltnutzen vergleichsweise
    gering oder auch nicht gegeben.“
    Die Wirkung auf den Kunden ist fatal. Wo Lichtblick draufsteht, ist also nicht mehr unbedingt auch ein
    Beitrag zur Energiewende drin. Lichtblick-Kunde Jens Kretschmer ist jedenfalls irritiert. Er fordert
    eindeutige und klare Angebote:
    „Von Anbietern von Ökostrom möchte ich nicht im Kleingedruckten, sondern auf der ersten Seite in
    Zwölf-Punkt-Schrift beschrieben haben, deswegen bin ich ja auch zu Lichtblick gegangen, dass da
    dann neue ökologische Solar-, Wind-, Biomasseanlagen gebaut werden.“
    Im Interesse der Stromkunden ist die Debatte um RECS-Zertifikate für grünen Strom längst überfällig.
    Zum einen wird deutlich: Ökostrom ist nicht gleich Ökostrom. Kunden, die etwas erreichen wollen,
    müssen sehr genau hinschauen und dürfen nicht beim billigsten Angebot zugreifen. Zum anderen sind
    aber auch die Politiker gefordert. Wenn Europa seine energiepolitischen Ziele umsetzen will, muss die
    Gemeinschaft jetzt sicherstellen, dass die Ausweitung des Ökostromangebots mit Hilfe des EEGs
    weiterhin gefördert wird – am besten einheitlich in ganz Europa. An sich sind RECS-Zertifikate nichts

  9. Christian

    Der offene Brief an Herr Landen ist eine tolle Reaktion auf den Werbebrief. Die Unternehmen haben meiner Ansicht nach einfach noch nicht kapiert, dass es nichts nützt einfach nur auf ein Trendthema mit aufzuspringen. Denn stattdessen wäre vielmehr Engagement erforderlich. Und alternativen gibt es ja zum Glück einige.

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